Wahlmöglichkeiten?

VonPeter Trotzig

Wahlmöglichkeiten?

Nach Angaben der internationalen Arbeitsorganisation ILO sterben weltweit jedes Jahr 2,3 Millionen Menschen durch „arbeitsbedingte“ Krankheiten und Arbeitsunfälle. Tag für Tag kommt es ferner zu 860.000 Verletzungen durch Arbeitsunfälle. (Diese Zahlen dürften eher „geschönt“ sein.)
I.
Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles meint dazu: „Es kann uns nicht egal sein, dass in anderen Ländern Menschen sterben, weil die Arbeitsbedingungen so schlecht sind, und wir die Billigprodukte ohne darüber nachzudenken konsumieren.“ (FR vom 26.08.2014) Ja, es ist ein Drama mit der Gedankenlosigkeit der „KonsumentInnen“ hierzulande. Dabei fällt auf, dass sie umso weniger nachdenken, je geringer ihr Geldeinkommen ist. Es gibt auch im „wachsstumsstarken“, vergleichsweise erfolgreichen kapitalistischen Deutschland Millionen von Menschen, die aufpassen müssen, dass am Ende des Geldes nicht noch allerhand Monat über ist.
Dazu zählen vor allem die Menschen, denen das Nachdenken mit Hilfe der Arbeitsmarktreformen von SPD und Grünen ausgetrieben wurde, also all die Hartz IV-BezieherInnen, all die, die vom Staat (Arbeitsagentur) dazu gezwungen werden, jede Lohnarbeit anzunehmen, die nicht „sittenwidrig“ ist. Dazu zählen auch die vielen RentnerInnen, die mit ihrer mickrigen Rente gerade mal so über die Runden kommen. (Es ließen sich noch mehr Opfer segensreicher Sozialpolitik und kapitalistischer Marktwirtschaft aufzählen.) Gerade hat Frau Nahles ihr wunderbares Mindestlohngesetz „durchgeboxt“ und preist es in höchsten Tönen. „Mindestens“ 8,50 Euro die Stunde, steuerpflichtig, versteht sich … und natürlich gilt „mindestens“ nicht für alle. Ausnahmen müssen gemacht werden, damit keine Arbeitsplätze in Gefahr raten. Sie sagen „Arbeitplätze“ und meinen Unternehmen in heiligem Privatbesitz, deren „Wettbewerbsfähgkeit“ und Rentabilität.
Frau Nahles meint offensichtlich, dass Leute mit 8,50 Stundenlohn vor Steuer, NiedriglöhnerInnen aller Art etc., die Wahlmöglichkeit haben und sich gegen den Konsum von Billigprodukten entscheiden können. Sie müssten nur gehörig darüber nachdenken und können sich dann gegen die Billigprodukte und für die teuren entscheiden! (Wobei keineswegs sicher gestellt ist, dass die teuren Produkte mit weniger Toten und Verletzten produziert wurden.) Die Fakten lassen nur zwei Interpretationen zu:
1. Frau Nahles hat selbst große Schwierigkeiten mit dem Nachdenken, nicht weil es ihr an Geld mangelt, sie sich um das Nötigste sorgen muss, sondern weil es ihr offensichtlich „zu gut geht“.
2. Frau Nahles denkt sehr viel nach und überlegt sich, wie sie – den Tatsachen zum Trotz – Leute für dumm verkaufen kann. Dann wählt sie wohlüberlegt ihre Worte. Was dabei herauskommt, sind keine „Billigprodukte“ aber „Billigworte“.
II.
ILO-Generalsekretär Guy Ryder meint dazu: „Viele Menschen haben nur die Wahl zwischen Armut und lebensgefährlicher Arbeit.“ (FR vom 26.08.2014) Auch Herr Ryder hat offenbar gar nicht oder sehr viel nachgedacht. Nimmt man seine Aussage wörtlich, dann sind die Menschen, die die lebensgefährliche Arbeit „gewählt“ haben nicht arm. Die NäherInnen, die in Bangladesh die Lohnarbeit mit dem Leben bezahlt haben, erstickt und verbrannt sind, waren danach nicht arm! Sie hatten sich gegen die Armut und für die lebensgefährliche Arbeit entschieden. Sie hatten gewählt! Vermutlich konnten die Frauen auch wählen zwischen Billigprodukten und teuren Produkten. Vermutlich haben auch sie nicht genügend nachgedacht.
(Frau Nahles lässt grüßen!) Arm jedenfalls waren sie nicht, das steht da schwarz auf weiß! Fakt ist, dass viele Menschen in Ländern wie Bangladesh nicht einmal die Wahl haben zwischen Armut und lebensgefährlicher Arbeit. Solange die gesellschaftlichen Verhältnisse so bleiben, wie sie sind – kapitalistisch, marktwirtschaftlich -, bleibt ihnen nur ein Doppelpack aus Armut und lebensgefährlicher Arbeit. Wenn sie „Glück“ haben ist das ein Doppelpack aus Armut und Lohnarbeit, wenn sie „Pech“ haben, müssen sie durch andere Formen der Arbeit, als „Selbständige“, an etwas Geld kommen. Sehr viele Menschen haben nur „die Wahl“ zwischen niedrigsten Löhnen und noch weniger Geld in „Selbständigkeit“. Lebensgefahr besteht immer, weil fast alle Arbeit, die sie gezwungenermaßen machen müssen, unter lebensgefährlichen Bedingungen stattfindet. Das kann man in allen möglichen Zeitungen nachlesen, oder sich im Fernsehen anschauen.
Herr Ryder hat also entweder gar nicht darüber nachgedacht, was Armut ist, oder er hat sehr viel und sehr lange darüber nachgedacht. Wenn letzteres der Fall ist, dann hat er solange darüber nachgedacht, bis ihm Formulierungen eingefallen sind, die wiederum die Leute für dumm verkaufen, weil danach Menschen in Lohnarbeit nicht arm sein können.
Ich hoffe, dass Abraham Lincoln recht behält: „You can fool all the people some of the time and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time.“ Sinngemäß übersetzt: Du kannst alle Leute für eine begrenzte Zeit für dumm verkaufen und du kannst einige Leute für alle Zeit für dumm verkaufen. Aber du kannst nicht alle Leute für alle Zeit für dumm verkaufen.

Peter Trotzig
August 2014